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Es ist wichtig, international vernetzt zu bleiben

Joanneum Research, die größte außeruniversitäre Forschungseinrichtung der Steiermark, hat seit 1. September 2011 einen neuen Geschäftsführer.

Ein Gespräch mit Univ.-Prof. DI Dr. Wolfgang Pribyl, neuer Geschäftsführer von Joanneum Research, über seine Ziele und Vorhaben für JR, die Zukunft der Bildung und konkrete Projekte. Das Gespräch führte Franz Zuckriegl.

Sehr geehrter Prof. Pribyl, Sie waren  in Vorstandspositionen bei Unternehmen wie Siemens oder austriamicrosystems und zuletzt als Professor an der TU Graz am Institut für Elektronik tätig. Was hat Sie dazu bewogen, sich für die Leitung der Joanneum Research zu bewerben?
Es hat sich schon bisher in meinem Berufsleben nach jeweils fünf bis sechs Jahren ein Wechsel ergeben. In so eine Phase kam auch die JR-Ausschreibung und da hab’ ich mich einfach beworben, da mir die Kombination aus Forschung, Führungsaufgabe und Anbindung zur Wirtschaft sehr interessant erschien. Das Unternehmen ist in fünf Bereiche gegliedert: MATERIALS – Institut für Oberflächentechnologien und Photonik; HEALTH – Institut für Biomedizin und Gesundheitswissenschaften; DIGITAL – Institut für Informations- und Kommunikations-Technologien; RESOURCES – Institut für Wasser, Energie und Nachhaltigkeit und POLICIES – Zentrum für Wirtschafts- und Innovationsforschung. Die Herausforderung als Geschäftsführer von Joanneum Research ist dementsprechend sehr groß.

Was sind denn die wichtigsten Vorhaben, was die wichtigsten Punkte, die Sie als neuer Geschäftsführer der Joanneum Research ändern oder erneuern wollen?
Da ist mit der Neustrukturierung im Laufe des letzten Jahres schon viel geschehen; diese Neustrukturierung muss jetzt von einem quasi „experimentellen“ in einen Dauer-Betrieb übergeführt werden. Was neue Themen betrifft, kann es durchaus sein, dass wir etwa im Bereich Mikroelektronik Neues beginnen. Das Thema RFID ist gerade im steirischen Raum sehr gut verankert – von Firmen wie Infineon, NXP und austriamicrosystems bis hin zu kleineren Unternehmen, die auf der Anwendungsebene aktiv sind. Ein anderer Bereich, in dem viel Neues entsteht und noch entstehen wird, ist unser Institut HEALTH. Ein Team dieses Instituts unter der Leitung von Frank Sinner hat gerade den Fast Forward Award für Institutionen gewonnen.  

Im Österreich-Maßstab ist JR einer der großen Player. Gibt es Bestrebungen, auch international stärker aufzutreten, auch in Hinblick auf die TNO-Beteiligung?
Die Hauptaufgabe als steirische Forschungsgesellschaft ist es natürlich, die steirischen Betriebe in Sachen F&E zu unterstützen. Aber wie wir alle wissen, findet Forschung weltweit statt und da ist es wichtig, dass man vernetzt ist und dies in Zukunft sogar noch verstärkt. Darauf werde ich mein Augenmerk richten und die vorhandenen internationalen Kontakte intensivieren. Mit der niederländischen TNO als Miteigentümerin werden wir in nächster Zukunft eine gemeinsame Strategie entwickeln.  

Wenn man sich die internationale Forschung ansieht, auch jene, die an den K-Zentren passiert, ist es wichtig, dass Menschen in die Steiermark und nach Graz kommen. Wie schätzen Sie den Wissenschafts- und Forschungsstandort Steiermark aus internationaler Perspektive ein?
Das Wichtigste ist, dass man interessante Themenfelder anbietet. Ich glaube, dass Graz mittlerweile ein Ambiente bietet, das auch im internationalen Vergleich interessant ist. Ich werde als JR-Verantwortlicher darauf achten, dass wir uns verstärkt auch an internationalen Austausch-Programmen beteiligen.

Und was würden Sie sich für den Standort allgemein noch wünschen von der Politik?
Das Aufrechterhalten eines innovationsfreundlichen Klimas sowie eine bleibende Wertschätzung von Forschung und Entwicklung. Ich wünsche mir aber auch eine deutliche Verringerung des Verwaltungsaufwandes bei geförderten Projekten. Dies betrifft sowohl EU-Projekte als auch nationale Förderprogramme. Wir stehen im Bereich F&E in einem globalen Wettbewerb, wobei besonders der asiatische Raum große Anstrengungen unternommen hat und eine durchaus ernst zu nehmende Konkurrenz in immer mehr Forschungsfeldern darstellt.

Wie beurteilen Sie die Zusammen­arbeit zwischen Wirtschaft, ­Wissensschaft und Politik am Standort Steiermark?
Ich glaube, dass die Kontakte zwischen diesen Sphären – die natürlich immer von den handelnden Personen abhängen – sehr gut sind; das zeigen auch die Cluster-Aktivitäten, die sich bei uns in der Steiermark hervorragend entwickelt haben.

Gibt es ein konkretes Beispiel, das Ihnen einfällt, bei dem die Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft, Wissenschaft und Politik besonders gut funktioniert hat?
Da möchte ich gleich unser Institut HEALTH, das Prof. Thomas Pieber leitet, nennen. Da wird sich viel tun: So wird das HEALTH-Institut am Zentrum für Wissens- und Technologietransfer ZWT am neuen Med-Campus der Medizinischen Universität Graz angesiedelt werden und damit auch geografisch weiterhin sehr eng mit den Kollegen der Meduni kooperieren können.  
Ein weiteres Beispiel ist der Bereich „Biomedizinische Technik und Monitoring“ des HEALTH-Instituts, in dem wir zum „One-stop-shop“ in der ganzheitlichen Entwicklung – vom Forschungskonzept bis zur Produktentwicklung und -Zulassung – für Unternehmen im Medizinprodukte-Sektor werden wollen. Auch Forschungsnetzwerke wie z.B. die Bio­NanoNet GmbH haben sich sehr bewährt und werden weitergeführt.

Wie sehen Sie in diesem Zusammenhang die Zusammenarbeit Ihres Hauses mit den K-Zentren wie ACIB und RCPE?
Wir sind an diesen und anderen Zentren gesellschaftsrechtlich beteiligt oder im Rahmen von Projekten involviert. Ich glaube, dass die Mischung aus direkter Beteiligung oder Engagement in Form von Projekten auch weiterhin individuell gehandhabt werden sollte. Diese Aktivitäten sind jedenfalls ganz wichtig für die Vernetzung innerhalb der Steiermark – und darüber hinaus. Und sie sind wichtig für die Beteiligten, um in Kontakt bleiben und die sich ergebenden Chancen gemeinsam nutzen zu können.  

Als Ihr Motto haben Sie folgenden Satz definiert: „Die Forschung von heute sichert die Lebensqualität von morgen“
Ich möchte diesen Gedanken gleich erweitern: Es geht nicht nur um die Forschung von heute, sondern auch um die Aus- und Weiterbildung von heute! Eine hervorragende Ausbildung, mit der Schule beginnend, ist extrem wichtig. Wie man derzeit sieht, gibt es leider verschiedene Gruppierungen und Personen, die das nicht ernst nehmen. Ich wünsche mir, dass wir in Zukunft wieder mehr Freude am in-die-Schule-Gehen erleben und Bildung als Chance für die Zukunft erlebt wird.
Ebenso wie die Forschung eine solche Chance für die Zukunft darstellt. Die F&E-Zyklen sind sehr kurz geworden und wir müssen aufpassen, dass Mitteleuropa nicht zurückfällt, besonders im Vergleich zum asiatischen Raum. An den Universitäten müssen wir auch ein höheres Maß an Forschungsfreiheit – etwa durch ausreichende Mittel für die Grundlagenforschung – ermöglichen.  
 
Abschließend zurück zu Ihrer neuen Aufgabe. Wenn Sie sich ins Jahr 2015 hineinversetzen: Was alles wird sich in den letzten vier Jahren verändert haben?
Ich wünsche mir, dass Joanneum Research nach diesen Jahren noch wichtiger als Innovationstreiber für die steirische Wirtschaft sein wird. Ich wünsche mir, dass wir dann das eine oder andere neue Themenfeld dazugewonnen haben. Besonders wünsche ich mir, dass die neue Unternehmensstruktur aufblühen wird, eine Reihe neuer, attraktiver Arbeitsplätze für engagierte Forscher entstehen werden und Joanneum Research damit für unsere Eigentümer und den Standort Steiermark in jeder Hinsicht noch wertvoller sein wird.


Vielen Dank für das Gespräch!